Abgeschaltet – Warum Menschen in Deutschland auf Medien verzichten
„Medien machen abhängig, unkreativ und blöd". Thomas Roth urteilt nicht nur hart, sondern zog daraus auch Konsequenzen. Seit elf Jahren ist der 36jährige ein Medienverweigerer, damit zwar in unserer sogenannten Informationsgesellschaft ein Außenseiter, aber zugleich ein heimlicher Trendsetter. Denn auch wenn die meisten Menschen die Medien nicht ganz so rigide verteufeln, haben immer mehr Deutsche ähnlich folgenreiche Ansichten. Nur – in der Regel werden sie nicht danach gefragt. Wer bei Marktforschungsinstituten nachhakt, erfährt: Vor allem die finanziellen Interessen der Medienkonzerne verhindern, daß mehr Aufmerksamkeit auf das Verhalten einer Gruppe von Menschen gelenkt wird, das so gar nicht im Sinne der werbetreibenden Industrie ist. Kein Wunder also, daß es sich um eine universitäre Arbeit handelt, bei der einmal die Gruppe der „Medienverweigerer" näher untersucht wurde. Die explorative Studie von Uschi Braun am Institut für Kommunikationswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München hatte vor allem ein Ziel: zu erfahren, aus welchen Gründen Menschen in Deutschland auf bestimmte Medien verzichten.
Nur aus Überzeugung
„Sowas gibt's doch gar nicht" hört man bei der Suche nach „Medienverweigerern" immer wieder. Gerade Info-Junkies, für die drei Zeitungen morgens Pflicht sind und bei denen der Fernseher auch nachts auf Standby-Betrieb bleibt, können sich nicht vorstellen, daß ein Leben ohne Medien überhaupt möglich ist. Damit kein Mißverständnis aufkommt: Bei der Untersuchung ging es nicht nur um Totalverweigerer aller Medien. Derartige All-Round-Abstinenzler sind heutzutage tatsächlich sehr selten. Es gibt aber Millionen Deutsche, die sich dem Konsum von durchschnittlich ein bis zwei Medien entziehen. Und ab und zu erkennen sich so selbst Journalisten in der dafür entworfenen Definition wieder: „Medienverweigerer ist, wer in der Regel oder zu bestimmten Zeiten mindestens ein aktuelles Medium absichtlich, freiwillig und aus Überzeugung nicht nutzt (Fernsehen, Hörfunk, Zeitung, Zeitschrift, Online-Medien) und seine generell ablehnende Haltung zu diesen einzelnen oder zu allen Medien begründen kann."
Dabei darf der Hinweis nicht fehlen, daß jeder Mensch zuweilen ein Medien-Nicht-Nutzer ist, beispielsweise auf Reisen oder im Krankheitsfall. Medienverweigerer im Sinne der Studie sind aber nur diejenigen, die aus einer Überzeugung heraus bestimmte oder sogar alle verfügbaren Medien nicht nutzen. Per Definition ist zum Beispiel Medienverweigerer, wer nie fernsieht, weil er den Einfluß der Programminhalte als schädlich für seine Kinder erachtet, aber trotzdem regelmäßig Zeitung liest. Sicherlich ist ein konsequenter und radikaler Boykott, also totale „Nicht-Nutzung", in der heutigen Zeit nur schwer durchzuhalten. Zählt man sogar den unfreiwilligen Medienkontakt dazu, wie beispielsweise das Supermarktradio oder die Schlagzeilen am Zeitungskiosk, ist ein absoluter Verzicht gar nicht möglich. Für den „Verweigerer" zählt aber die kritische Haltung gegenüber den Medien, nicht jeder einzelne zufällige Kontakt.
Wie viele Menschen sich hier einordnen können, läßt sich nicht eindeutig beziffern. Dazu fehlt es noch an grundlegenden medienübergreifenden Daten. Denn obwohl die Publikumsforschung jährlich in zahlreichen Studien als „Abfallprodukt" Auskunft über die Nicht-Nutzung von Medien gibt, ist kaum etwas darüber bekannt, wieviele davon auch die jeweils anderen Medien ablehnen. Am ehesten lassen sich noch Aussagen über Fernsehverweigerer machen. Davon gibt es mindestens 1,5 Millionen in Deutschland.
Großes MitteilungsbedürfnisDie meisten der 118 bei der Studie teilnehmenden Medienverweigerer machten offenbar richtig gerne mit. In den Antworten der vielen offenen Fragen des Fragebogens spiegelt sich das große Mitteilungsbedürfnis wider. Viele scheinen geradezu erleichtert gewesen zu sein, sich endlich offiziell zu ihrer Meinung über Medien äußern zu können und legten seitenweise zusätzliche Notizen bei. Der Leser des unterhaltsamen Transkripts der Texte erfährt zum Beispiel, daß bei einem Ehepaar der Vollzug der Ehe erst wieder funktionierte, als der Fernseher aus dem Haus war. Mit Hingabe geschrieben wurden von den Befragten auch die praktischen Ratschläge für die Entwöhnung von Radio und TV oder philosophisch-literarische Abrechnungen mit den verhaßten Medien. Diese Materialsammlung erwies sich als sehr nützlich, denn auf bestehende Untersuchungen konnte die Studie kaum gestützt werden.
Obwohl Bücher zur Mediennutzung ganze Bibliotheken füllen, findet sich zur Medienverweigerung nach wie vor so gut wie keine Literatur.
Lediglich dem TV-Verzicht haben sich einige wenige Wissenschaftler in den USA, Australien und den Niederlanden angenommen. Fast alle diese Arbeiten sind nun schon über zwanzig Jahre alt. Umso überraschender, daß nahezu zeitgleich mit der Münchner Studie im letzten Jahr in Münster eine Dissertation zum „Leben ohne Fernsehen" entstand. Die Resultate der Arbeit von Peter Sicking decken sich über weite Strecken mit den hier geschilderten Ergebnissen zur TV-Verweigerung.Wenn überhaupt, wird auch über die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema hinaus, fast nur der Fernsehverzicht beschrieben. Aufsehenerregend waren beispielsweise in den siebziger Jahren die Aufrufe des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu einem „fernsehfreien Tag". In den USA und Großbritannien versorgt seit sechs Jahren „White Dot", ein Anti-TV-Verein, seine 1000 Mitglieder mit Wissenswertem. Man habe einfach etwas dagegen, daß Menschen durchschnittlich acht Jahre ihres wachen Lebens ein Möbelstück anstarrten. Und „TV-Free America" (jetzt: TV turnoff) feiert Jahr für Jahr größere Erfolge in den USA mit Millionen Teilnehmern an TV-Fastenaktionen. Die jährlich im April stattfindende „National TV-Turnoff Week" des gemeinnützigen und überparteilichen Vereins aus Washington D. C. ist die weltweit bislang größte Veranstaltung zum Thema Fernsehverzicht.
Vor allem TV-Verweigerer
Die Ergebnisse der Studie zur Medienverweigerung sind zwar nicht repräsentativ aber richtungweisend. Es zeigt sich, daß 46 Prozent der Befragten in erster Linie auf das Fernsehen verzichten. Der Rest lehnt Fernsehen meist auch ab, nutzt es aber hin und wieder. Nur fünf Prozent der Befragten können als Totalverweigerer aller aktuellen Medien eingeordnet werden. Anders als angenommen werden könnte, handelt es sich dabei durchaus um berufstätige, voll aktive Persönlichkeiten, die nicht in die Schubladen „Aussteiger" oder „weltfremd" passen. Die meisten anderen nutzen zumindest ein anderes Medium, um sich zu informieren oder auch zu unterhalten. Am weitesten verbreitet ist es unter den Medienverweigerern, zwei Medien abzulehnen. Fast die Hälfte zählt sich zu dieser Kategorie. Oft wird dabei auf TV zusammen mit Online-Medien verzichtet. Die Medien, die auch „Medienverweigerer" besonders selten verweigern, sind Radio und Tageszeitung. Auf diese beiden greifen besonders die TV-Verweigerer zurück.
Nur jeweils ein einziges Medium verweigert rund ein Viertel. Auch hier rangiert das Fernsehen ganz vorne. Online-Medien nehmen einen besonderen Stellenwert ein, denn viele der 76 Prozent der Befragten verzichten darauf nicht, weil sie damit schlechte Erfahrungen gemacht hätten, sondern weil sie die neuen Medien noch gar nicht kennen. Dazu gehört zum Beispiel ein 44jähriger Buchhalter, der sich unfreiwillig als Unkundiger outet, wenn er schreibt, seine Freizeit sei ihm zu schade, um im Internet „herumzusegeln".
Unter den befragten Medienverweigerern sind zwölf Prozent mehr Männer als Frauen. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum dies so ist, denn bei der Suche nach geeigneten Personen war die Wahrscheinlichkeit, daß beide Geschlechter in das Sample kommen, in etwa gleich. Keine Überraschungen dagegen bei der Altersstruktur: Jede Altersgruppe ab 14 hatte sich gemeldet. Die meisten waren zwischen 30 und 49 Jahre alt.
Sehr eindeutige Ergebnisse gab es beim Bildungsgrad und der politischen Richtung der Teilnehmer. Die befragten Medienverweigerer sind vergleichsweise hoch gebildet und lesen viele Bücher. Ganze drei Viertel haben Abitur, nur sechs Prozent den Hauptschulabschluß. Fast alle befragten Medienverweigerer, die eine Angabe zu ihrer politischen Einstellung machen, ordnen sich eindeutig dem linken Spektrum zu.
Aus dem Artikel von Uschi Braun über ihre Diplom-Arbeit „Medienverweigerer – Eine explorative Studie zu Formen des bewußten Medienverzichts" am Institut für Kommunikationswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, erschienen im Fachmagazin „Journalist" 2/99.
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