Fernsehen: Zeitverschwendung, Sucht und Überflutung

Die Motive für den Medienverzicht lassen sich grundsätzlich in zwei große Bereiche einteilen. Vor allem wird Kritik an den Medien generell geübt und erstaunlicherweise in viel weniger Fällen Kritik am Inhalt der Medien. Der mit Abstand am häufigsten genannte Grund, warum die Befragten auf das Fernsehen als Medium verzichten, lässt sich unter der Kategorie „Zeitverschwendung" zusammenfassen. Sie habe das Gefühl, das Leben ziehe an ihr vorbei, wenn sie vor der Kiste sitze, sagt eine 25jährige Studentin und wünscht sich statt dessen viel lieber, daß ihr Leben selbst ein Film sei. Viele versprechen sich von der Realität viel mehr als durch die Medien. Die Familie und aktive Tätigkeiten werden den Medien vorgezogen.

Ein zweiter Hauptgrund, das Fernsehen abzulehnen, ist die so empfundene Suchtgefahr. Ein Viertel der Befragten gibt an, bereits süchtig nach dem Medium Fernsehen gewesen zu sein. Bei einem 35jährigen Lehrer beispielsweise war der endgültige Auslöser abzuschalten ein zweiwöchiger Gomera-Urlaub, in dem er ohne Fernsehen auskommen mußte. Nach dem Heimkommen habe er den Fernseher ausgestöpselt und für immer im Schrank verpackt. Bei anderen ging der Fernseher kaputt und wurde einfach nicht mehr repariert. Wieder andere wollten ihre kleinen Kinder vom Fernseher fernhalten und schalteten deshalb für immer ab.
Ein drittes Hauptmotiv, vor allem elektronische Medien zu meiden, ist die Medienflut, von der sich viele überfordert fühlen. „Ein freier Kopf ist mir genauso wichtig wie eine freie Nase. Ich möchte mich nicht permanent mit etwas berieseln lassen, denn danach fühle ich mich ausgelaugt, überfrachtet und vom Wesentlichen abgelenkt", betont eine Mutter von drei Kindern. Ansonsten werden nahezu alle negativen psychischen, physischen und sozialen Folgen, die auch in der kulturpessimistischen Literatur beschrieben sind, als Gründe für den Fernsehverzicht genannt. In Stichworten sind dies vorwiegend Manipulation, Passivität, Einfluß auf Kinder und Verlust von Kommunikation und Kreativität.

Kritik am Inhalt des Fernsehens wird vor allem mit Hinweis auf ein niveauarmes Angebot an Information und Unterhaltung geübt. So schreiben die Befragten, die Qualität des Programms werde immer schlechter, es komme kaum auf Inhalte, sondern nur auf die actionreiche Darstellung an. Kritische und kulturell wertvolle Sendungen stellten die Programmverantwortlichen immer mehr ein. Themen würden nur oberflächlich behandelt und bewegten sich im Rahmen vor allem der privaten Sender auf seichtem Boulevard-Niveau. Auch langjährige TV-Verweigerer sind dabei durchaus auf dem neuesten Stand: „Ich überfliege regelmäßig das Fernsehprogramm in meiner Tageszeitung und beglückwünsche mich mindestens einmal wöchentlich zu meiner Fernsehabstinenz!"


Dauerberieselung und Manipulation

Das Radio wird als besonders störend empfunden, wenn es allerorts als Hintergrundberieselung läuft. Dies beeinflusse die Konzentrationsfähigkeit und belaste, meinen die Befragten. Einer schreibt, Arbeitsplätze mit ständiger Radioberieselung empfände er als genauso belastend, wie Arbeitsplätze, an denen geraucht werde. Weiterhin werden auch für das Radio kritische Argumente hinsichtlich der Informationsflut, der Zeitverschwendung oder der Manipulation geäußert. Inhaltlich sei es vor allem reißerische, kurze Berichterstattung, die zur Verweigerung führe. So erklärt einer der Teilnehmer: „Der redaktionelle Teil geht mir auf die Nerven, weil er zu oberflächlich, zu kleinteilig ist. Dauernde Werbeberieselung, Moderationen auf unterstem Niveau verblöden."

Auf Zeitungen werde vor allem verzichtet, weil die große Auswahlmöglichkeit bei Zeitungen schon von vorneherein abschreckend wirke. Manche Zeitungen seien „viel zu umfangreich". Motive für den Verzicht, die mit der Seitenzahl der Zeitungen zusammenhängen, korrespondieren auch mit der Begründung, man habe zu wenig Zeit, um regelmäßig zu lesen. Bei dünneren und weniger anspruchsvollen Tageszeitungen handle es sich dagegen meist um Boulevardblätter, und die seien zu niveaulos und sensationslüstern. Generell fällt auf, daß hier im Gegensatz zu den anderen Medien nicht die Kritik am ganzen Medium, sondern am Inhalt vorherrschend ist. So unterstellt beispielsweise ein Viertel derjenigen, die für ihren Verzicht auf die Zeitung Gründe angeben, der Tageszeitung Manipulation. Sie berichte oft einseitig, enthalte aber auch generell zu viele negative Berichte. Ein kaufmännischer Angestellter meint, die Zeitung beinhalte einfach zu viel ungebetenes Input für seinen Kopf: „hauptsächlich negative Nachrichten rauben einem die Kraft: Ist ja eh alles Scheiße."

Bei den Zeitschriften treffen ähnliche Verweigerungsgründe wie bei der Zeitung zu. Vor allem werden sie aber als Zeitverschwendung angesehen, weil sie nur aus Tratsch bestünden und eine unerreichbare Scheinwelt aufbauten. Die Inhalte seien zwar nicht zu negativ, aber insgesamt zu grell, zu bunt, zu plakativ, zu wenig informativ und unobjektiv. Zeitschriften hätten allgemein zuwenig Text, seien zu sehr zeitgeistabhängig, und meistens sei die Aufmachung kaum zu unterscheiden. Außerdem erlegten Zeitschriften ein Gesellschaftsdiktat auf, wobei „immer wieder die gleichen Themen anders aufgebrüht" würden.

Auf Online-Medien wird vor allem verzichtet, weil Schwellenangst besteht. Wer schon Erfahrungen mit diesen Medien gesammelt hat, kritisiert die Kosten und die Unübersichtlichkeit des Inhalts. Auffallend ist der geringe Anteil an Kritik, der den Inhalt der Online-Medien betrifft. Ähnlich wie beim Fernsehen wird durch die Nutzung des Computers Isolation befürchtet: „Als Unterhaltungsgerät führt der Computer oft zu sozialer Vereinsamung, zum ,Leben aus der Dose'. Was soll ich im Internet, wo es direkt um mich herum soviel schöne, interessante Menschen und Dinge kennenzulernen gibt – flüchten?"

Die Freizeitbeschäftigungen der Medienverweigerer sind allgemein sehr vielseitig. Statt Medien zu konsumieren besuchen viele mehrmals im Monat Freunde oder empfangen selbst Besuch, hören mehrmals in der Woche Musik und telefonieren oft mit Freunden. Computerspiele oder Sportveranstaltungen stehen an letzter Stelle der von den Befragten ausgeübten Freizeitaktivitäten. Dafür treiben viele selbst gerne Sport, rund ein Viertel ist sogar mehrmals in der Woche selbst aktiv. Insgesamt sind die meisten kulturell sehr interessiert. Fast zwei Drittel spielen ein Instrument, und auch mit der Anzahl der Theater-, Kino- und Konzertbesuche liegen sie weit über dem Durchschnitt.



 
Ausnahmen kommen vor

Da anzunehmen war, daß gerade Fernsehverweigerer nicht ganz ohne das von ihnen verweigerte Medium auskommen können oder auch wollen, wurde im Fragebogen auch nach Ausnahmen gefragt, die gemacht werden. Dabei stellt sich z. B. heraus, dass 75 Prozent der TV-Verweigerer Ausnahmen einräumen. Sie dienen kaum einem beruflichen Zweck, sondern fast ausschließlich der Unterhaltung. In erster Linie werden bei Freunden oder Verwandten „besondere", „gute" oder „ausgewählte" Spielfilme angesehen. An zweiter Stelle stehen Dokumentarfilme wie Natursendungen, Tierfilme, Kultursendungen und Biografien. Erst dann kommen Nachrichten wie die Tagesschau. Zuweilen lassen sich die Befragten auch Großereignisse wie Endspiele einer Fußball-Weltmeisterschaft nicht entgehen. Manchmal wird auch wahllos ferngesehen. Gerade bei Freunden werden die Befragten häufiger mit dem Fernsehen konfrontiert, das im Hintergrund läuft. Dann wird das Mitsehen als Akt der Höflichkeit hingenommen.

Printmedienverweigerer machen vor allem Ausnahmen bei Anzeigen und dem Kulturteil, Radioverweigerer machen Ausnahmen im Auto, und Online-Medienverweigerer nutzen in Einzelfällen Online-Banking.


Vor- und Nachteile

Nachteile hat die Medienverweigerung für die meisten keine. Zwei Drittel geben an, gar keine Nachteile nennen zu können. Als Mangel empfinden aber einige, daß manche Informationen die Befragten erst später oder nie erreichen und interessante Filme nicht gesehen werden. Eng in diesem Zusammenhang steht die häufiger als Problem empfundene Tatsache, oft nicht mitreden zu können, wenn über in den Medien abgehandelte Themen gesprochen wird.

Große Vorteile des Medienverzichts sind den Angaben zufolge vor allem die hinzugewonnene Zeit sowie ein Anstieg von Kreativität und Lebensqualität. Dabei steht die Unterhaltung mit den Mitmenschen bei den Medienverweigerern an erster Stelle. Ein 52jähriger Biologe bringt es stellvertretend für viele auf den Punkt: „Prinzipiell bin ich der Meinung, daß die Massenmedien die Begegnung von Menschen eher verhindern als fördern, deshalb stehe ich ihnen kritisch gegenüber."

Übrigens: Die meisten der befragten Medienverweigerer leben mit ihrem besonderen Mediennutzungsverhalten nicht isoliert, denn Kontakt zu anderen Medienverweigerern haben 91 Prozent. Viele kennen Freunde, die ebenfalls wie sie bestimmte Medien nicht nutzen. Fast die Hälfte hat einen gleichgesinnten Lebenspartner, etwa ein Drittel hat andere Mitglieder in der Familie, die auch wenig Medien nutzen.

Für die meisten stellt es gegenwärtig gar keine Versuchung dar, das von ihnen verweigerte Medium zu nutzen, aber vorstellbare Gründe, den Medienverzicht aufzugeben, gibt es eine ganze Reihe. Rund ein Viertel der Medienverweigerer beabsichtigt, im Falle eines Kriegs- oder Krisenzustands auf das von ihnen sonst verweigerte Medium, vor allem das Fernsehen, zurückzugreifen. Nicht zuletzt können es sich auch einige vorstellen, wieder mehr Medien zu nutzen wenn sie krank oder einmal „alt" seien, die Inhalte sich veränderten oder „wenn es keine Freunde mehr gäbe".

Insgesamt sind die Gründe und Geschichten zur Medienverweigerung so unterschiedlich wie die Medien selbst. Trotzdem zeigen sich eindeutige Tendenzen, die in künftigen Forschungsarbeiten vertieft werden können. „Medienverweigerer" kommen zwar in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen gehäuft vor, sind aber nicht nur „linksalternative Exzentriker", wie viele denken. In der Regel leuchten die Aussagen der Befragten auch ausgesprochenen Medienfreunden ein. Die Überflutung mit Information durch die Zeitung, die „Leere im Kopf" nach einem TV-Abend oder flimmernde Augen durch den Computer kennen nicht nur Medienverweigerer. All dies läßt durchaus verständlich erscheinen, daß Menschen irgendwann die „Notbremse" ziehen und den Konsum freiwillig aussetzen. Medien werden dabei oft wie geschildert gar nicht prinzipiell abgelehnt. Das Fazit vieler Befragten ist statt dessen: „Weniger ist mehr". Ein Motto, das von der werbetreibenden Industrie stammen könnte...


dies war Teil 2 des Artikels von Uschi Braun über ihre Diplom-Arbeit „Medienverweigerer – Eine explorative Studie zu Formen des bewußten Medienverzichts" am Institut für Kommunikationswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, erschienen im Fachmagazin „Journalist" 2/99.
 

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